Orgelweihe Heiller-Orgel Dornbach
Schwerpunkt Anton Heiller

Roman Summereder
Der Lehrer

Auf der endlosen Filmrolle meiner Jugenderinnerungen erscheint der späte November 1971. Die „Wien-Aktion“, praktiziert in Maturaklassen der Bundesländer, katapultierte mich aus tiefster Provinz in den wie magisch empfundenen Sog des Wiener Kosmos. Lichtblick in er damals noch recht grauen Stadt: Anton Heiller war in jener Woche zufällig gleich zweimal zu erleben; im Musikverein gelangte seine „Psalmenkantate“ zur Aufführung, im Mozartsaal eröffnete er seinen Orgelzyklus “Heiller spielt Bach“.

 

Mit etwas Überredung erhielt ich Ausgang für beide Konzerte. Noch nie hatte ich Orgel im Konzertsaal, kaum jemals so bestechend klares Orgelspiel gehört! (Bisher galt meine Begeisterung Helmut Walchas Alkmaarer Aufnahmen). Hier im Mozartsaal, von kirchlicher Aura und Akustik unbelastet, konnte sich meine ganze Aufmerksamkeit aufs augenblickliche Aufstrahlen von Bachs Musik richten, dargeboten von einem stattlichen Mann im Frack, der in sich ruhend an der Orgel saß und mit dem Instrument völlig verwachsen schien. Ein Jahr später war ich Heillers Student – eine rastlose Zeit des Lernens, Experimentierens, Fragens und Zweifelns begann (... und hält noch an). Heiller strahlte gleichermaßen Güte und Strenge aus, konnte schallend lachen, schien aber unter mir damals nicht erklärlichen inneren Lasten zu leiden. Nach und nach wurde mir klar, daß ihn die kompositorische Avantgarde wie auch die Protagonisten der „Historischen Aufführungspraxis“ gleichsam von links überholt hatten. Seiner künstlerischen Autorität tat dies keinen Abbruch, denn ihm ging es nicht allein um „Orgel“ oder „Stil“ sondern vorrangig um musikalische Substanz, um das Hörbar-Machen von Geistigem. Wenn er harmonische Situationen und motivische Zusammenhänge in einem Musikwerk gleich welcher Epoche erläuterte und daraus Schlüsse zog für Artikulation, Akzentuierung und Phrasierung, schöpfte er aus der Tiefe eigener kompositorischer Erfahrung. Reichen Gewinn brachten seine extemporierten Abrisse zu Entwicklungssträngen der Musik im 20. Jh. Mit welcher Gestaltungskraft Heiller die elitäre Zwölftontechnik in die traditionslastige Musica sacra einbrachte, ist als schöpferische Gratwanderung beispiellos. Dennoch stand er Hindemith näher als Webern, mutierte nicht zum atonalen Serialisten sondern blieb modaler Panchromatiker (wie aus seiner „Fantasia super Salve Regina“ heraus zu hören ist). Er verstand sich als Komponist der Mitte, schätzte aber aufs höchste seine progressiven Kollegen Ligeti und Cerha (mit dem er im Gymnasium Geblergasse die Schulbank gedrückt und im Schulorchester gespielt hatte).

Heillers Interpretationen von Regers “Wachet auf“ und Davids „Schnitter Tod“ in St. Florian, von Hindemiths Orgelsonaten im Mozartsaal und dessen Concerto for organ and orchestra im Linzer Brucknerhaus gehören unauslöschlich zu meinem imaginären Ton-Archiv. Zur Zeit meiner Diplomprüfung im November ´78 lag er krank im Spital. Im März ´79 kehrte er zurück. Postgradual wollte ich mit ihm noch Schönbergs Opus 40, Alains „Trois Danses“ und Messiaens Pfingstmesse studieren - dazu kam es nicht mehr. Vielleicht hätte er nur schelmisch gebrummt: „Kinderl, jetzt weißt eh selber schon, was zu tun ist.“

Roman Summereder, Archeolido di Egnazia (Apulien), 4. August 2015