Orgelweihe Heiller-Orgel Dornbach
Schwerpunkt Anton Heiller

Michael Radulescu
Der Komponist

Seit etwa 1962 wurde ich immer mehr von dem Namen Anton Heiller heimgesucht. Dies geschah zuallererst in Verbindung mit Paul Hindemith, der damals mein „absolutes Vorbild“ als Komponist war. Oft wurde mir dringend empfohlen bei Anton Heiller mein Orgelstudium fortzusetzen und zu vervollkommnen.

Dieser Traum wurde auch tatsächlich im Herbst 1965 wahr, als ich in Wien meine Studien an der „Akademie (später Hochschule bzw. Universität) für Musik & darstellende Kunst“ dank eines österreichischen Stipendiums fortsetzen konnte, in den Studienrichtungen Orgel/Konzertfach bei Anton Heiller und Orchesterdirigieren bei Hans Swarowsky.

Bei meiner ersten Orgelstunde bei Prof. Heiller im damals berühmten B-Saal in der Singerstaße spielte ich ihm Bachs Passacaglia auswendig vor. Sein berührend kollegialer Kommentar war: „Ich habe Sie jetzt kennengelernt und jetzt sollen auch Sie mich kennenlernen“, woraufhin er mir die Passacaglia sehr eindrucksvoll vorspielte. Gleich darauf vereinbarten wir, in den nächsten Wochen den gesamten „Dritten Theil“ von Bachs „Clavier-Übung“ durchzunehmen. Unvergessen bleiben mir die folgenden Stunden und die hochgeistigen, symbolischen Kommentare Heillers, der mir tatsächlich ganz neue Dimensionen der Musik Bachs, aber auch jene einer lebendig sprechenden Phrasierung und Artikulation auf der mechanischen Orgel erschloß. Der erste große Höhepunkt unserer Zusammenarbeit im Lehrer-Schüler-Verhältnis war das unglaublich dichte und symbolträchtige fünfstimmige „Vater unser im Himmelreich“ mit dem cantus firmus im Kanon. Nach meinem Spiel herrschte lange Stille, wonach wir einander herzlich mit Tränen in den Augen in die Arme fielen…

Bei meiner „Reifeprüfung“ (heute „große Diplom-, bzw. Magisterprüfung“) regte mich Heiller an, seine große Fantasia über „Salve Regina“ zu spielen, ein Werk, welches ich seither noch jahrelang in meinem Repertoire behielt und das ich immer wieder aufs neue zu schätzen wußte. Bei der sogenannten „Internen Prüfung“ spielte ich auch sein Orgelkonzert vor der Jury, leider Gottes ohne Orchester!

Faszinierend war für mich die Erarbeitung dieser Werke mit dem Komponisten selbst, vor allem sein Bestehen auf die „kantable Spielweise“, auf das Singen der Orgel auch bei brillant virtuosen Passagen. „Großgewachsen“ mit der oft distanziert herben Harmonik Hindemiths, waren mir einige harmonische Wendungen Heillers schwerer nachvollziehbar: ein auszuhaltendes gis’ in der linken Hand auf (Ed. Doblinger) S. 15 unten blieb mir lange Zeit ein Rätsel. Daraufhin reagierte Heiller mit wohlwollendem Lächeln und der ihm typischen Anrede „Aber, Kinderl…“.

Von Heiller haben wir alle die „cantable Spielweise“ (© J.S.Bach) lernen können, nämlich nicht nur durch eine durchdachte, lebendig sprechende Artikulation, sondern vor allem auch durch einen lebendigen agogischen Nachvollzug der eigenen Bewegung, des Gestus der jeweiligen Phrase, bzw. Tonfolge, welcher tatsächlich die Orgel zum Singen bringen kann und soll. Was für ein Unterschied zu dem damals – leider auch heute noch – üblichen metronomisch-genauen, letztlich aber toten Abspielen der „richtigen“ Notenwerte!...

Unvergessen sind uns auch die mit dem „Meister“ gemeinsam verbrachten Abende nach erfolgreichen Vortragsabenden oder Prüfungen, manchmal auch bei Heurigen in Grinzing. Heillers Humor war ansteckend, seine komischen Grimassen beim Nachahmen „weniger geschätzter Zeitgenossen“ unglaublich treffend, jedoch niemals gehässig oder aggressiv. Seine „hohe Kunst des Schüttelreims“ war/ist legendär, eine ähnlich reiche spontane Sprach-Phantasie wie sie auch L. van Beethoven nachgesagt wurde…

Das Allergrößte und Wertvollste, was uns die Bekanntschaft mit und die Unterweisung durch Anton Heiller gebracht hat, ist „die Liebe“, die Liebe zur Musik, zu den Mitmusizierenden, zum Mitmenschen allgemein, eine Einstellung, die sich ganz im Sinne Augustinus’ im Singen manifestiert: cantare amantis est.

Anton Heiller war ein begnadeter Musiker, ein ganz großer Organist, ein mitreißender Dirigent, ein hervorragender Improvisator und Komponist. Niemals hat er starren Schablonen gehuldigt, die meisten seiner Kompositionen spiegeln – bei aller Rigorosität – die spontane Phantasie des großen Improvisators wider. Sind seine frühen Werke meist an die strengen holzschnittartigen Techniken Hugo Distlers oder an J. N. Davids angelehnt, so folgt er später in seiner Auseinandersetzung mit der Zwölftönigkeit nicht Webern, Berg oder Schönberg, sondern eher einer weniger rigorosen, melodisch-kantableren Handhabung des Zwölftonmaterials nach dem Beispiel Frank Martins. Später, nach der Bekanntschaft Marie-Claire Alains, wird der Komponist Heiller immer mehr von der freien, fallweise „spontan-orgiastischen“ Rhythmik und der farbig modalen Harmonik Jean Alains fasziniert, was sich in seinen späteren Werken widerspiegelt.

Wollte man den Musiker Anton Heiller genauer definieren, so ist er nicht nur Organist, Improvisator, Dirigent oder Komponist, sondern ein wahrer homo musicus, dessen Ziel immer das Gute, das Wahre, die Liebe und die – auch durch Humor bereicherte – Humanität waren und sind.

MR., Wien am 10. August 2015

Postskriptum

Arwed Henking, welcher noch ziemlich lange vor mir in Wien Schüler Anton Heillers gewesen war, berichtet eine sehr amüsante Begebenheit, die im bereits erwähnten B-Saal in der Singerstraße stattfand und deren Zeuge er unfreiwillig wurde:

  • Es war Juni und in Wien besonders heiß und schwül.
  • Die alte Orgel von der Firma Pirchner im B-Saal war dadurch erwartungsgemäß ziemlich elend verstimmt.
  • Um die Raumtemperatur nicht weiter ansteigen zu lassen und die Stimmung der Orgel durch eine künstliche Abkühlung zu „retten“, soll Heiller einen sehr großen Strohbesen aus der Ecke des Saales in die Hände genommen haben und denselben mit voller Kraft lange Zeit und bis zur Erschöpfung beidhändig auf und ab geschwungen haben, um den Raum abzukühlen und die Stimmung der Orgel zu retten.
  • Natürlich war alle Mühe schlicht und einfach umsonst und Heiller erledigt vor lauter Hitze und Übermüdung…